Mein Ratgeber zum Thema Burnout - Leseprobe

IIch möchte Ihnen auf dieser Seite einen kurzen Einblick in mein Burnout Buch mit dem Titel: “Die Zeit des Puppenspielers – Als nichts mehr ging, fing er mich auf” geben. Es ist ein Tagbuch, das ich während meines eigenen Burnouts geschrieben habe, um mich von der täglichen Last meiner Erlebnisse, Gedanken und Emotionen zu befreien, während ich nach einem Ausweg aus dieser Lebenskrise gesucht habe.

Heute bin fest davon überzeugt, dass Ihnen mein Buch einen einzigartigen, schonungslosen und ehrlichen Einblick in das gibt, was in einem vom Burnout Betroffenen vor sich geht. Mein Buch ist somit auch ein Burnout Ratgeber für Betroffene, deren ich meinen Weg recht einfachen aus dem Burnout nahelegen möchte, als auch für Angehörige, die durch mein Buch besser verstehen werden, was in einem vom Burnout betroffenen Menschen vor sich geht.

Auszug aus dem Buch

Mittwoch, 9. März 2011

Seit vier Tagen bin ich nun mit meiner Frau in Cuxhaven im Urlaub. Erholen wollte ich mich. Nach den anstrengenden letzten Monaten einfach mal nichts tun. Bloß im Bett liegen, fernsehen und mich entspannen.

Stattdessen zunächst die anstrengende, mehrstündige Anreise am vergangenen Samstag. Wer ist gefahren? Ich.

Dann, die von meiner Frau bestimmten Tage Sonntag, Montag und Dienstag. Gespickt mit kleinen und größeren Unternehmungen, zu denen ich keine Lust hatte, mich regelrecht zwingen musste, sie zu begleiten. Erholung?

Am späten Nachmittag des heutigen Tages kann ich nicht anders, als mir meine Laufkleidung anzuziehen und schlichtweg davonzurennen. Zu rennen, so schnell mich meine Füße tragen. Irgendwohin. Hauptsache weg von … Ja, von wem oder was eigentlich? Von meiner Frau? Meinem Alltag? Der Arbeit? Den zu erledigenden Dingen am Haus? Meinen Ängsten? Den Gedanken mich umzubringen? Fliehe ich gar vor mir selbst?

Wahrscheinlich vor allem, lautet die erdrückend ehrliche Antwort meiner inneren Stimme.

.......

 

Rückblick

 

Im Juli 2010 war die Welt noch in Ordnung. Ich stand auf der Sonnenseite des Lebens, hatte Erfolg im Beruf und war seit zwei Jahren glücklich verheiratet. Auch im Kreis meiner zahlreichen Freunde und Vereinskameraden beim Fußball, in den zwei Musikvereinen (den Blasmusikanten und der Big Band) und bei der Feuerwehr fühlte ich mich sehr wohl und war beliebt. Was ich auch anfasste, schien mir zu gelingen. Das Abitur, mein Studium, der Hausbau, die steile berufliche Karriere vom einfachen Sachbearbeiter zum Manager, die Musik, meine leitende Rolle in der örtlichen Feuerwehr, meine Beziehung …

Warum hätte ich all dies hinterfragen sollen? Weil ich kaum noch Zeit für mich hatte? Nur noch unterwegs war? Kaum noch zur Ruhe kam? Kann sein. Aber ich tat es nicht. Schließlich funktionierte alles irgendwie.

Es kam mir daher auch nicht in den Sinn, weitere Anfragen und Angebote auszuschlagen. Nach einer Übungsstunde der Blasmusikanten fragte mich unser Dirigent, ob ich nicht Lust hätte, Einzelunterricht bei ihm zu nehmen. Zwar war ich zunächst unentschlossen, hatte schon das Gefühl, mir zu viel aufzubürden, brachte es aber letztlich einfach nicht übers Herz, ihn durch eine abschlägige Antwort zu enttäuschen. Das Wörtchen „Nein“ kannte ich nicht.

Als wir uns an einem der folgenden Probenabende darauf verständigten, montags von 16 bis 17 Uhr gemeinsam bei ihm zu Hause zu üben, bemerkte ich nur beiläufig, dass sich mein ganzer Körper zusammenzog, als wir uns anschließend die Hände schüttelten und er mich freudestrahlend anblickte. Doch obwohl ich diese Reaktion meines Körpers zu ignorieren versuchte, fiel es mir schwer, seine freundliche Geste zu erwidern. Schließlich hatte ich gerade besiegelt, auch meinen letzten freien Nachmittag aufzugeben.

Sollte ich nicht doch auf meine innere Stimme hören und diese Sache sein lassen?, fragte ich mich.

Doch ich konnte oder wollte es nicht und so nahmen die Dinge ihren Lauf.

 

Im August war die Zeit der Schützenfeste gekommen, was in unserer Region Hochsaison für alle Blaskapellen bedeutete. Fast jedes Wochenende waren wir unterwegs. Nein, nicht ein Auftritt, oftmals zwei oder drei. Ich saß daher fast jeden Samstag und Sonntag stundenlang in meiner bayerischen Tracht auf der Bühne und machte Musik.

Ich tat mich zwar immer noch schwer, musikalisch in dieser anspruchsvollen Kapelle Fuß zu fassen, obwohl ich inzwischen ein gutes Jahr dabei war. Dennoch war ich jedes Mal stolz, bei den Auftritten die Tracht zu tragen, die in der gesamten Region als Markenzeichen hoher Musikqualität bekannt war. Stolz, weil ich denen, die es mir im Vorfeld nicht zugetraut hatten, optisch vorführen konnte, dass sie sich geirrt hatten. Doch dieser Stolz machte mich blind. Hatten sie sich wirklich geirrt?

 

Während unserer vielen Auftritte saß ich auf der Bühne meistens in unmittelbarer Nähe unseres Schlagzeugs. So auch am letzten Augustsonntag.

Wir hatten schon einige Stunden gespielt, als mich das helle Erklingen der Becken, die auf Höhe meiner Ohren etwa einen Meter hinter mir aufgestellt waren, zu nerven begann. Eigentlich nervten sie mich ab einem bestimmten Zeitpunkt immer, doch an diesem Tag störten sie mich schon besonders früh.

Doch nicht nur die Becken des Schlagzeugs, sondern unsere ganze Musik kam mir an diesem Tag besonders laut vor und ich empfand sie irgendwann sogar als regelrechten Krach. In den Pausen war ich froh, dass meinen Ohren etwas Ruhe gegönnt wurde. Immer wieder dachte ich an jenem Nachmittag darüber nach, meine Sachen zusammenzupacken und nach Hause zu fahren.

Aber was sollten die anderen von mir denken? Ich konnte sie doch unmöglich im Stich lassen, zumal wir an diesem Tag eh nur sehr spärlich besetzt waren und am Nachmitttag auch noch ein anstrengender Umzug durch das Dorf auf dem Programm stand. Also blieb ich, spielte weiter und zu allem Übel verschlug es mich dann bei der Aufstellung des Festumzuges wieder genau neben die Becken unserer Kapelle. Zufall?

Als ich am frühen Abend nach Hause kam, war ich kaputt. Mir dröhnte der Schädel und ich fühlte mich nicht besonders gut, hoffte aber, dass es mir am nächsten Morgen wieder besser gehen würde. Und zum Glück tat es das auch.

 

Unser Hausbau war zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich weit vorangeschritten. Alles ging so schnell. Die Vertragsunterzeichnung beim Bauunternehmen im August 2009 (ziemlich genau ein Jahr zuvor), der Baubeginn im September, die Fertigstellung  im Mai 2010. Zu schnell? Hatte ich mich von meiner Frau, die den ursprünglich für das Frühjahr 2010 geplanten Baubeginn forciert hat, dem Bauunternehmer, der ebenfalls möglichst schnell seine Arbeit beginnen wollte und den diversen Bankvertretern überrollen lassen?

Eindeutig ja.

Nun wohnten wir schon seit gut drei Monaten in dem äußerlich fertigen Neubau. Doch der Berg an verbliebenen, noch zu erledigenden „Kleinigkeiten“ schien einfach nicht weniger zu werden. So fehlte zum Beispiel nach wie vor ein Garagentor und die Fußleisten im gesamten Haus.  Auch Bilder, Gardinen und Lampen wollten noch angebracht werden. Die größte Baustelle, war jedoch die gesamte Außenanlage, die wir komplett in Eigenleistung herrichten wollten.  Seit einiger Zeit arbeiteten mein Vater und ich inzwischen daran,  Kies auf der Auffahrt zu verteilen und, das sich in Hanglage befindliche Gelände, etwas zu begradigen. Immer wieder fiel mir dabei auf, wie langsam wir in den vergangenen Wochen vorangekommen waren, obwohl ich fast jede meiner wenigen freien Stunden auf der Baustelle verbrachte.

Anfang September stellte ich eher beiläufig fest, dass meine Tage nun seit einigen Wochen – oder waren es gar Monate? – immer nach demselben Schema abliefen: 05:40 Uhr aufstehen, bis ca. 16 Uhr arbeiten, anschließend am oder um das Haus herum fleißig sein und an fast jedem Abend einem der Hobbys nachgehen.

Doch nicht nur unter der Woche, sondern auch am Wochenende war ich ausgebucht, mein Zeitplan voller Verpflichtungen. Zeit für mich? Fehlanzeige.

 

Nach dem Auftritt auf dem Schützenfest Ende August legte ich mir Gehörschutz für Musiker zu. Meine Hoffnung, wieder zur alten Freude an der Musik zurückzufinden, zerplatzte jedoch schon beim ersten Übungsabend im September.

Erst die Hälfte der Probenstunden war vorüber, als mir plötzlich schwindelig wurde. Derart heftig, dass der Notenständer vor mir sowie die anderen Musiker um mich herum plötzlich in weite Ferne zu rücken schienen. Alles spielte sich auf einmal in Zeitlupe ab. Stumm verkrampfte ich mich auf meinem Stuhl, um meinen sich drehenden Kopf irgendwie zum Stehen zu bringen. Ich konnte nicht mehr tun, als abzuwarten.

Irgendwann kehrte ich aus meiner Lethargie zurück, doch es gelang mir nicht mehr, die Noten mit meinem Instrument in Einklang bringen. So, als hätte ich es schlagartig verlernt. Es funktionierte plötzlich nicht mehr. Ich funktionierte nicht mehr.

Mir war sofort klar: Irgendetwas stimmte mit mir nicht, aber was und vor allem warum? Ich verstand es nicht. Versuchte es wieder und wieder, mit meinem Mund noch ein paar halbwegs geordnete Töne aus dem Instrument zu quetschen. Aber es wollte mir nicht gelingen. Irgendetwas oder irgendjemand schien das mit aller Kraft zu verhindern.

So etwas hatte ich bisher noch nicht erlebt und ich hatte keine Ahnung, wie ich jetzt mit mir klarkommen sollte.

Verunsichert legte ich meine Trompete zur Seite.

Die Dinge begannen, sich zu verändern.

Als ich am nächsten Morgen aufwachte, sah zunächst alles wieder deutlich besser aus. Fast, als ob nichts gewesen wäre.

Erleichtert und guter Dinge fuhr ich zur Arbeit, wollte weitermachen wie bisher. Meine Erleichterung verflog jedoch, als mich der Schwindel des Vorabends mit einem Mal auch auf der Arbeit überfiel. Wieder war ich wie gelähmt und es vergingen einige Minuten, bis ich aus meiner Schockstarre zurückkehren konnte.

Ich wurde nachdenklich.

Hat der Schwindel vielleicht doch nichts mit der Musik zu tun?

Diese Frage verunsicherte mich an den Folgetagen zunehmend, zumal der Schwindel mein ständiger Begleiter blieb. Schließlich suchte ich einen Arzt auf, um mich untersuchen zu lassen. Das Ergebnis: Ich war kerngesund – obwohl ich mich nicht so fühlte. Dennoch sah ich keinen Grund, etwas an meinem Lebensstil zu verändern.

Als wenige Tage später auch ein zweiter Arztbesuch dasselbe Ergebnis brachte, begann ich ernsthaft daran zu zweifeln, ob die anhaltenden Schwindelattacken tatsächlich der Realität entsprachen. Bildete ich mir das alles bloß ein? Nein, es gab eigentlich keinen Grund zu zweifeln, denn immer wieder und immer häufiger begann ich zu taumeln. Jedes Mal kam es mir vor, als hätte ich einen kräftigen Schluck aus der Pulle genommen, doch ich hatte nichts getrunken.

So blieb es bei meiner Suche nach einer Antwort auf die einfache Frage: Warum?

Warum?

Immer öfter und immer länger drehten sich fortan meine Gedanken darum. Doch obwohl ich mir meines ständigen Nachdenkens bewusst war, fand ich kein Mittel, aus dieser Gedankenspirale auszubrechen. Im Gegenteil. Es wurde schlimmer.

Abermals ging ich zu einem Arzt und wiederum wurde mir versichert, dass alles in bester Ordnung sei.

Ich war enttäuscht über dieses Ergebnis. Zum ersten Mal in meinem Leben wünschte ich mir, dass ein Arzt eine Krankheit bei mir diagnostizieren würde, welche auch immer.

Aber war ich überhaupt krank?

 

Am Abend des 16. September, es war ein Donnerstag, holte ich meinen Koffer aus seiner einsamen Ecke unserer Abstellkammerund begann, ihn mit meinen Utensilien für den bevorstehenden Wochenendausflug mit den Blasmusikanten zu füllen. Plötzlich zögerte ich.

Sollte ich nicht lieber zu Hause bleiben? Mich einfach mal ausruhen?

Ich spürte, dass mich diese Frage innerlich entzweite. Doch wie so oft hielt ich es für wichtiger, die Erwartungen der anderen zu bedienen. Also packte ich weiter, auch wenn meine stechenden Zweifel blieben:

Kann ich ihre Erwartungen überhaupt noch erfüllen? Bin ich noch der, der andere zum Lachen bringt? Noch die Stimmungskanone, die immer mitten im Geschehen ist und dafür sorgt, dass die Party ihren Namen auch wirklich verdient?

Die Gänsehaut auf meinen Armen war Antwort genug. Jedoch nicht die Antwort, die ich gerne bekommen hätte.

Am nächsten Morgen klingelte mein Wecker etwas später als gewohnt. Bereits beim Aufwachen registrierte ich eine gewisse Unruhe in mir, die ich nicht so recht deuten konnte. Ich wollte mich davon aber nicht irritieren lassen, weshalb ich mir einredete, dass es Vorfreude sein musste, die diese Unruhe in mir auslöste.

Bewusst schwungvoll stieg ich aus dem Bett und ging ins Bad. Schnell bemerkte ich, dass mir die Lebendigkeit und gewohnte Leichtigkeit längst abhandengekommen waren. Im Gegenteil, ich fühlte mich müde.

Lange stand ich in meinen Gedanken versunken vor dem Spiegel und haderte erneut, ob es nicht besser wäre, in letzter Sekunde abzusagen.

Erst als ich bemerkte, dass mir die Zahnpasta von der zu lange von mir schräg gehaltenen Zahnbürste ins Waschbecken zu rutschen drohte, kehrte ich mit einer Antwort aus meinen Gedanken zurück. Nach einem kurzen Frühstück machte ich mich auf den Weg zur Bushaltestelle.

Doch als ob all meine Bedenken nicht schon genug gewesen wären, kehrte zu allem Übel noch der Schwindel zurück.

Entsprechend unwohl fühlte ich mich, als ich am vorderen Eingang des Reisebusses die kleine Treppe hinaufstieg, im Vorübergehen dem Busfahrer einen guten Morgen wünschte, die Fahrgastebene erreichte und den langen Gang der Sitzreihen hinuntersah. Für mich war klar: Es gab jetzt kein Zurück mehr.

Ich atmete tief durch und schaute mich um. Der Bus war schon ziemlich gut gefüllt. Vor allem die vorderen Plätze, wo es nicht so stark wippt und schaukelt und auf denen ich am liebsten gesessen hätte, waren schon besetzt. Notgedrungen bahnte ich mir meinen Weg, den schmalen, beängstigend engen Gang zwischen den Sitzreihen entlang, in den hinteren Teil des Busses. Dabei lächelte und begrüßte ich alle freundlich, an denen ich vorüberging, und versuchte mir nichts von meinen Ängsten und den Ereignissen der letzten Wochen anmerken zu lassen.

Zu meinem Unbehagen fand ich erst kurz vor der letzten Reihe einen freien Platz. Als sich bei der Abfahrt des Busses herausstellte, dass der Sitz neben mir frei bleiben würde, war ich erleichtert. Ich beschloss, diesen kleinen Ausbruch aus meinem veränderten Alltag so gut es ging zu genießen und das Beste aus der Situation zu machen.

Müde und ausgelaugt kehrte ich am späten Sonntagnachmittag nach Hause zurück, holte nach einer kurzen Begrüßung meiner Frau nur noch meinen Kulturbeutel aus dem Koffer, putzte mir die Zähne und fiel hundemüde ins Bett.

Ich habe den Ausflug mitgemacht. Aber zu welchem Preis? War es das wert? Keine Ahnung.

Trotzdem glaubte ich, einen Funken Hoffnung in mir zurückgewonnen zu haben.

 

Zwei Tage später war von diesem Hoffnungsschimmer nicht mehr allzu viel übrig. Meine Verzweiflung, dass ich mir immer noch nicht erklären konnte, was mit mir nicht stimmte, überlagerte die schönen Erlebnisse des vergangenen Wochenendes. Insbesondere mein wiedergewonnenes inneres Lächeln war dahin. Wie sollte es weitergehen? Ich wusste es nicht und das machte mir Angst.

Ich erinnere mich sehr gut daran, dass mich an jenem Tag erstmals das Gefühl überkam, an einem Halm langsam aber sicher abwärts zu rutschen. Dem Halm meines Lebens.

Immer wieder blieb ich dabei an kleinen Fortsätzen hängen, auf denen ich für einen Moment ausharren konnte, etwas Halt fand. Doch diese Fortsätze schienen sich nach und nach in Luft aufzulösen, sodass ich tiefer und tiefer rutschte, ohne zu wissen, wann mir der Halm ausgehen würde.

Der Dienstag nach dem Ausflug war so ein Tag, an dem einer dieser Fortsätze unter meinen Füßen einfach verschwand. Es war bitter zu erkennen, dass nichts mehr so war, wie ich es gekannt hatte.

 

Auch im Laufe des Oktobers ging es weiter abwärts. Zwanghaft klammerte ich mich an meine gewohnten Tagesstrukturen und Regeln und hoffte, dadurch wieder Halt zu finden. Vergeblich.

Der Halm glitt durch meine Hände wie ein von der Decke herabhängendes Seil, das ich aus dem Schulsport kannte. Noch hatte ich die mentale Kraft zu bremsen. Dumm nur, dass sie mehr und mehr nachließ, je länger ich auf einen dieser haltbietenden Fortsätze warten musste. Und von einem Fortsatz war im Moment weit und breit nichts zu sehen.

Ende Oktober fiel mir schweren Herzens auf, dass ich mich immer mehr aus meinem sozialen Umfeld und somit meinem gewohnten Lebensrhythmus zurückzog und fast ausschließlich mit mir selbst beschäftigt war.

Bei der Freiwilligen Feuerwehr hatte ich mich nun schon seit Wochen nicht mehr blicken lassen. Gewissensbisse plagten mich, da es bisher nie meine Art gewesen war, mich einfach ohne ein Wort zu verdrücken. Doch was sollte ich meinen Kameraden sagen? Wie sollte ich mein Fernbleiben rechtfertigen, ohne mehr Fragen zu provozieren? Fragen, die ich ihnen nicht beantworten konnte. Ich wusste ich ja selbst nicht, was mit mir los war.

Doch nicht nur für die Feuerwehr, auch für die beiden Musikvereine fehlte mir die Kraft.

Stattdessen quälte ich mich mit meinen Gedanken herum, die sich noch nie über einen solch langen Zeitraum nur um mich gedreht hatten.

Klar, es gab schon Momente, in denen es mir auch früher nicht gutgegangen war und ich mir kurz mal Gedanken über mich machte, doch bisher hatten sich die Dinge immer wieder schnell von alleine zum Guten gewendet.

Dieses Mal dauerte es jedoch erstaunlich lange. Bereits über drei Monate.

Anfang November war von meinem ehemals großen Selbstvertrauen kaum noch etwas vorhanden. Alles, was ich tat, führte nicht dazu, dass es mir besser ging. Im Gegenteil. Unsicherheit, machte sich in mir breit, die mich mehr und mehr lähmte.

Aus purer Verzweiflung gab ich in einer Internetsuchmaschine das Wort „Schwindel“ ein und gelangte auf eine Seite, die eine Art Schnelltest über Anzeichen eines Burnouts beinhaltete. Nach kurzem Zögern beantwortete ich die folgenden zwanzig Fragen.

Was hatte ich schon zu verlieren?

 

 - Den Test finden Sie im Buch. - 

 

Auf den vorhandenen Button „Auswerten“ klickte ich jedoch nicht. Meine Gedanken fanden ihre eigene Antwort:

Lass dich nicht in die Irre leiten. So etwas kann dir gar nicht passieren. Du warst doch immer so lebensfroh und stets guter Dinge …

Was ist, wenn doch?

Bei diesem letzten Gedanken, der wieder einmal eine offene Frage in mir zurück- und einen weiteren Fortsatz am Halm verschwinden ließ, zog sich mein ganzer Körper krampfhaft zusammen. Ich rang nach Luft. In jenem Moment glaubte ich schneller abwärts zu rutschen als je zuvor.

Dies war der Tag, an dem ich noch mehr im Gefängnis meiner Gedanken versank. Gedanken, die ein immer bedrohliches Ausmaß annahmen.

Ist doch alles bloß Einbildung!

Ich fühle mich so kraftlos, schlapp und kaputt. Die letzten Wochen haben deutlich an mir gezehrt.

Ich bin so müde. Was soll ich verändern, damit es mir endlich besser geht? Verdammt, warum hilft mir niemand? Alles, was ich bisher getan habe, hat nichts gebracht. Und jetzt?

Dieser Zustand macht mich fertig. Ich mache kaum noch etwas, aus Angst, etwas zu tun, wodurch es mir hinterher noch schlechter gehen könnte.

Was ist richtig?

Was ist falsch?

Ich möchte mein unbeschwertes Leben zurückhaben, so schnell, wie es geht! Aber wie?

Ich brauche eine Pause. Ich kann nicht mehr.

Nein, mach so weiter wie bisher. Du bist stark.

Bin ich das wirklich?

Ich muss etwas ändern, so kann es nicht weitergehen!

Aber wie stehst du dann da? Als Versager?

Habe ich versagt?

Nein, oder doch? Verdammt, ich weiß es nicht …

Am ersten Montag im Dezember rief ich schweren Herzens unseren Dirigenten an und meldete mich für die nächsten Wochen auch bei ihm für den Einzelunterricht ab. Ich ahnte nicht, dass es für immer sein sollte.

...

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© Jens Nolte